Biografie
Jacques-Henri de Bourbon, ursprünglich Jaime Luitpoldo Isabelino Enrique Alejandro Alberto Alfonso Víctor Acacio Pedro Pablo María de Borbón y Battenberg, wurde am 23. Juni 1908 im königlichen Palast von La Granja de San Ildefonso in der spanischen Provinz Segovia geboren. Er war der zweitälteste Sohn des spanischen Königs Alfons XIII. und dessen britischer Ehefrau Viktoria Eugénie von Battenberg. Bei seiner Geburt erhielt er den Rang eines spanischen Infanten. Getauft wurde er am 29. Juni 1908 im Thronsaal des Palastes; sein Pate war der bayerische Prinzregent Luitpold, seine Patin seine Tante, Infantin Isabella.
Eine schwere doppelte Mastoiditis führte 1912 zu einer missglückten Ohrenoperation. Jacques wurde daraufhin taub und verlor zeitweise auch die Fähigkeit zu sprechen. Später lernte er, von den Lippen zu lesen, und erlangte mit Unterstützung seiner zweiten Ehefrau Charlotte, die vor ihrer Heirat als Sängerin tätig gewesen war, teilweise wieder die Sprache.
Die spanische Monarchie, in der Jacques aufwuchs, war politisch umstritten. Besonders die Karlisten lehnten sie ab, da sie sich auf das salische Erbrecht beriefen und andere bourbonische Erbansprüche vertraten. 1931 wurde Alfons XIII. durch die spanischen Republikaner entthront. Die königliche Familie ging ins Exil. Zunächst lebte der ehemalige König in Frankreich, später zog die Familie 1934 nach Rom. Jacques gehörte zu den Trauzeugen bei der Hochzeit seines Bruders Juan, des späteren Grafen von Barcelona.
Nach dem Tod verschiedener älterer bourbonischer Verwandter änderte sich Jacques’ dynastische Stellung mehrfach. Sein älterer Bruder Alfons, der frühere Fürst von Asturien, verzichtete 1933 unter dem Druck ihres Vaters auf seine Ansprüche auf den spanischen Thron. Dadurch wurde Jacques kurzzeitig von den Anhängern Alfons’ XIII. als Fürst von Asturien betrachtet. Wenige Tage später verzichtete jedoch auch Jacques selbst schriftlich auf seine spanischen Thronrechte, da seine Taubheit und Sprachbehinderung als Hindernisse für eine mögliche Wiederherstellung der Monarchie angesehen wurden. Am 4. März 1935 verlieh ihm sein Vater anlässlich seiner Hochzeit den Höflichkeitstitel Herzog von Segovia.
Nach dem Tod seines Bruders 1938 wurde Jacques für die Legitimisten zum rechtmäßigen französischen Dauphin. Als Alfons XIII. am 28. Februar 1941 in Rom starb, galt Jacques als ältester Nachkomme der französischen Könige aus dem Haus Bourbon. Die Legitimisten erkannten ihn daraufhin als rechtmäßigen König von Frankreich und Navarra unter dem Namen Jacques II. an. Kurz nach dem Tod seines Vaters zog Jacques mit seiner Ehefrau und den beiden Söhnen nach Lausanne. Dort kam er erstmals intensiver mit französischen Legitimisten in Kontakt. Seine Ehefrau Emmanuelle de Dampierre ermutigte ihn, sich mit dieser monarchistischen Bewegung zu befassen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Jacques seine Stellung als Oberhaupt des französischen Hauses Bourbon öffentlich an. Er nahm den Höflichkeitstitel Herzog von Anjou an, führte die vollen französischen Wappen und erklärte 1946 vor einem Notar, dass er weder auf seine Ansprüche auf den französischen Thron noch auf das Recht zur Führung der königlichen Lilien verzichte. Im selben Jahr bestimmte er Jacques de Bauffremont-Courtenay zu seinem Vertreter in Frankreich. Von 1952 an leitete Jacques jedes Jahr die Gedenkmesse für den 1793 hingerichteten König Ludwig XVI. in Paris. 1957 begann er, seine französischen Urkunden als Jaime Henri beziehungsweise Jacques Henri zu unterzeichnen. Die Legitimisten bezeichneten ihn deshalb fortan als Henri VI.
Jacques lebte ab 1949 wieder in Frankreich, zunächst in Cannes und am Cap d’Antibes, später in Rueil-Malmaison, Paris und Neuilly-sur-Seine. Er nahm an dynastischen und monarchistischen Veranstaltungen teil, darunter 1956 eine Zeremonie in der Basilika Saint-Denis und 1967 die Enthüllung einer Gedenktafel für Jean d’Orléans in Angoulême. 1950 verlieh er seinen Söhnen die Höflichkeitstitel Herzog von Bourbon und Herzog von Burgund beziehungsweise Herzog von Bretagne; der jüngere Sohn erhielt später den Titel Herzog von Aquitanien.
Auch seine Ansprüche auf den spanischen Thron nahm Jacques später wieder auf. 1949 widerrief er öffentlich seine früheren Verzichtserklärungen und erklärte, diese seien ohne gültige Rechtsgrundlage und unter dem Druck seines Vaters beziehungsweise seines Bruders zustande gekommen. Er betrachtete sich als ältesten männlichen Erben des letzten spanischen Königs. 1963 erklärte er sich zum Oberhaupt und Souverän des Ordens vom Goldenen Vlies. 1964 nahm er den Höflichkeitstitel Herzog von Madrid an und versuchte, die karlistische und die alfonsistische Tradition miteinander zu verbinden. Nach dem Tod seiner Mutter 1969 fügte er den Titel Herzog von Toledo hinzu.
Im selben Jahr stimmte Jacques schließlich der vorgesehenen Thronfolge seines Neffen Juan Carlos zu, obwohl dieser nicht der älteste Nachkomme der spanischen Könige war. Er begründete seine Zustimmung mit dem Gemeinwohl Spaniens, dem Frieden und dem Wohlstand der Bevölkerung. Sein Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Juan blieb dennoch gespannt, da dieser Jacques’ französische und spanische Ansprüche nicht anerkannte. Besonders deutlich wurde die Entfremdung, als Jacques nicht zur Hochzeit Juans ältesten Sohnes Juan Carlos mit Prinzessin Sophia von Griechenland eingeladen wurde.
Jacques heiratete am 4. März 1935 in Rom Vittoria Jeanne Emmanuelle Joséphine Pierre-Marie de Dampierre, die aus einer französisch-italienischen Adelsfamilie stammte. Das Paar hatte zwei Söhne, Alfons und Gonzalve. 1949 schloss Jacques in Innsbruck eine standesamtliche zweite Ehe mit Charlotte Tiedemann, einer deutschen Sängerin und mehrfach geschiedenen Frau. Für die katholische Kirche und die Legitimisten blieb jedoch Emmanuelle de Dampierre weiterhin seine maßgebliche Ehefrau und wurde später als Witwe des Herzogs von Anjou und Segovia bezeichnet.
1962 wurde auf Antrag seiner Söhne ein gerichtlicher Beirat zur Verwaltung seines Vermögens eingesetzt; Jacques gewann den anschließenden Rechtsstreit. 1970 zog er nach Lausanne zurück. Nach einem Sturz auf der Straße wurde er am 27. Februar 1975 ins Krankenhaus eingeliefert und starb trotz einer Operation am 20. März im Kantonsspital St. Gallen. Seine Beisetzung fand zunächst in Lausanne statt. 1985 wurde sein Leichnam mit Zustimmung seines Neffen, König Juan Carlos, in das Pantheon der spanischen Infanten im Kloster San Lorenzo de El Escorial überführt.
Quelle: Jacques-Henri de Bourbon (fr, 239647201). Die Fakten wurden ausgewählt, zusammengefasst und eigenständig neu formuliert. Wikipedia-Quellinhalte: CC BY-SA 4.0